KW 04 – I live by the river

 

Die vierte Woche dieses Jahres ist fast rum. Nach wie vor ein sehr kalter Januar, doch am Samstag war es für den Spaziergang immerhin schön sonnig und fast schon mild. Auf dem Heimweg von der Arbeit hatte ich von der B10 aus gesehen, dass der Neckar zugefroren ist. Das wollte ich mir mal ansehen.

So ging meine Tour beim Wochenendspaziergang diesmal vom Schlossplatz durch den Schlossgarten bis an den Fluss bei Bad Cannstatt und über die Villa Berg wieder zurück in den Stuttgarter Osten. Über 7 Kilometer und etwa 2 Stunden war ich unterwegs.

Der Hauptbahnhof ist nach wie vor eine beeindruckend große Baustelle, doch bei weitem nicht die einzige in Stuttgart.

Im Schlossgarten tummelten sich gerade wieder Scharen von Krähen und Graugänsen, dazu hier und da ein Reiher, ein paar Enten und Blässhühner und die hübschen bunten Nilgänse. Wie ich gerade am Ende des Parks angekommen war, ist ein ganzer Haufen Gänse plötzlich aufgeflogen, direkt über mich hinweg und ist in einer großen Runde wieder ein Stück weiter gelandet. Die Bäume unterhalb des Schlosses Rosenstein sind ganz kahl und der Blick kann wunderbar weit über die Wiese schweifen.

Leider gibt es den alten Holzsteg nicht mehr, der bei der Wilhelma über den Neckar führte. So bin ich statt dessen zum Mineralbad LEUZE gelaufen und dort über die König-Karls-Brücke gelaufen. Die Brücke teilen sich Autos, die Stadtbahn, Radler und Fußgänger. Da kommt ein richtiges Großstadtgefühl auf.

Der Neckar war tatsächlich noch gefroren und ich habe mich sehr gefreut, das endlich mal bei Sonnenschein zu sehen und nicht wie sonst vom Auto aus in der Dämmerung. Auf der Bad Cannstatter Seite bin ich am Ufer entlang Richtung Wasen gelaufen und dann über den Berger Steg wieder zurück ans Stuttgarter Ufer. Auf dem Steg geht es deutlich entspannter zu und für Stadtverhältnisse ist es hier tatsächlich ruhig.

Zurück ging es wieder am LEUZE vorbei. War nicht viel los, nur ein paar Badegäste im Außenbecken. Für den Rückweg habe ich mich als Landmarke an die SWR Gebäude gehalten und bin von dort aus den Hügel hinaufmarschiert zur Villa Berg. Damit war ich schon fast wieder zuhause in Ostheim.

 

 

KW 03 – Love is all we need!

Eine klirrend kalte Woche mit Temperaturen im 2-stelligen Minusbereich geht zu Ende. Heute hatten wir etwa -1°C in Stuttgart und dazu Sonne, ideal für einen Spaziergang im erschlossenen Land. Der Ausblick von der Uhlandshöhe zeigte sehr ansehnlich den Smog im Talkessel. Seit 16. Januar gibt es wieder Feinstaubalarm in der Stadt. Wobei ich nicht den Eindruck habe, dass wirklich viele Leute ihr Auto stehen lassen und auf die Öffentlichen umsteigen.

Eine neue Strecke auf dem Spaziergang führte mich über die Straußstaffel zum Aussichtspunkt Straußsstaffel. Von dort sieht man schön in den Stuttgarter Osten und rüber zur Sternwarte. Weiter ging es auf der Heidehofstraße, einmal um das Areal der Villa Bosch herum.

Women’s March

Das beeindruckendste Ereignis diese Woche war der Women’s March in Washington am 21. Januar, einen Tag nach der Amtseinführung von Donald Trump. Etwa eine halbe Million Teilnehmende und parallel Kundgebungen an vielen anderen Orten in den USA und auf der ganzen Welt! Dass so viele Menschen auf die Straße gehen und ein so buntes Statement für Toleranz, Respekt vor der Vielfalt und für ein friedliches Miteinander abgeben, stimmt mich mehr als froh!

Wenn Populisten wie Trump oder die Vorturner bei der AfD Lügen und Hass verbreiten, müssen wir Ihnen etwas entgegen setzen. Dann sind wir alle gefordert, die Errungenschaften unserer freien, pluralistischen Gesellschaft zu verteidigen. Sei es, dass wir auf die Straße gehen oder auch im privaten Kontext eine Lüge oder ein Vorurteil als solche benennen und deutlich machen, warum wir dem nicht zustimmen.

Meryl Streep hat dies bei Ihrer Rede anlässlich der Golden Globes Verleihung 2017 sehr eindrücklich getan. Sie hat außerdem die Rolle der freien Presse herausgestellt.

Trump und andere Populisten vereinfachen, verdrehen die Fakten und lügen öffentlich, wie ich es in aufgeklärten Gesellschaften nicht für möglich gehalten hätte. Als Beispiel: der neue US-Präsident spricht davon, die Macht dem Volk zurückzugeben. Dabei ist die Regierungsform der USA eine Demokratie. Was bedeutet, dass die Macht vom Volk ausgeht. Er wütet gegen Politiker und ist doch selbst nun im höchsten politischen Amt seines Landes. Er wütet gegen die Presse, dabei ist sie eine so wichtige Instanz in einer demokratischen Gesellschaft.

Mir scheint, es ist an der Zeit für eine neue Aufklärung, ein neues Age of Enlightenment welches der Menschheit zu mehr Klugheit, Güte und Demut vor dem Leben verhilft.

 

 

KW 02 – Beginn und Abschied

Die Urlaubswoche ist fast rum. Zum Ende hat mich eine Erkältung erwischt, was größere Aktivitäten verhindert. Naja, ausruhen tut auch gut. So lerne ich diverse Hausmittel wieder zu schätzen: inhalieren, mit lauwarmem Salzwasser gurgeln und ganz viel Tee trinken. Gerade teste ich frischen Ingwertee. Ist einfach gemacht: eine Knolle geschält, in Stückchen geschnitten und diese mit Wasser aufgekocht, dann noch etwas ziehen lassen. Der Ansatz ist ziemlich stark geworden, so dass ich  davon nur 1/4 Tasse nehme und den Rest mit heißem Wasser aufgieße.

Immerhin zwei Ausflüge waren drin. Einmal nach Esslingen zum Stadtbummeln, auch wenn das Wetter ziemlich trüb war. Eine Stärkung gab es im Café „Markt e1ns“ und ich freue mich über neue Pullis, nachdem das mit dem Winter noch eine Weile gehen könnte. Amüsante Entdeckung in der Buchhandlung: „Der grüne Wink“ Gärtner Pötschkes Tageskalender.

Der andere Ausflug ging in die Ausstellung Die Schwaben. Zwischen Mythos und Marke im Alten Schloss in Stuttgart. Auf jeden Fall sehenswert! Viel zur Geschichte und letztlich auch den Klischees über die Schwaben und das Schwabenland. Passend dazu haben wir diese Woche „Kleine Kehrwoche“… Was ich leider erst hinterher erfahren habe, da nicht genutzt: den Audioguide gibt’s auch auf Schwäbisch, gesprochen von Dodokay. Was die Schwaben zusätzlich erfreut, mit VVS Ticket zahlt mensch nur 10 EUR statt 13 EUR.

Die Woche ging es weiter mit liegengebliebenen Nähprojekten. So sind ein Nierenwärmer, eine Handy-Hülle und Vorhänge für ein Regal entstanden. Endlich!

In Sachen Ernährung könnt ich immer wieder von unserem Bäcker hier um die Ecke schwärmen, dem Königsbäck. Von dem gab es ein Dinkelbrot zur selbst gemachten Kürbissuppe mit Kartoffeln. Ok, ein Klassiker und somit keine große Koch-Herausforderung, trotzdem lecker.

Krankheitsbedingt war doch öfter der Fernseher an, mit Sendungen zum Nachdenken: bei 3Sat „scobel: das Versprechen vom Glück“ und bei ARTE „Milch – Ein Glaubenskrieg?“ und „Dicke Luft – Wenn Städte ersticken“.

Einen Abschied gab es diese Woche. Eine Freundin zieht von Stuttgart nach Wien. Ein trauriges aber auch ein freudiges Ereignis. Wie wusste schon Hermann Hesse in seinem schönen Gedicht „Stufen“: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

 

 

KW 01 – Gute Vorsätze

Ein neues Jahr hat begonnen und ich bin mal wieder höchst motiviert, die gefassten guten Vorsätze auch umzusetzen.

Die Liste für 2017

  • Mehr Sport (mindestens 1-2 x in der Woche Yoga)
  • Bessere Ernährung (das Essen in der Mittagspause besser planen und regelmäßig neue Rezepte ausprobieren)
  • Besser in Kontakt sein mit dem Freundeskreis (sich treffen, öfter mal anrufen, Briefe schreiben)
  • Regelmäßig bloggen (am liebsten einmal in der Woche, also 52 Beiträge in diesem Jahr)
  • Mehr geistige Nahrung (statt Facebook oder boredpanda.com lieber einen TED Talk ansehen)
  • Lang aufgeschobene kreative Projekte umsetzen (Nähen, Häkeln, Zeichnen etc.)
  • Öfter spazieren gehen (z.B. auf dem Weg von oder zur Arbeit einen Stopp einlegen und eine Runde zu Fuß drehen oder in der Mittagspause draußen ein Picknick machen)

Ganz allgemein möchte ich mehr Dinge in den Alltag bringen, die mir guttun und die mir Energie geben. 2016 war sehr von Erwerbsarbeit und wenig drumherum geprägt. Irgendwann fühlten sich die Reserven ziemlich aufgebraucht an, sowohl geistig als auch körperlich. Das kann ja wohl kein Dauerzustand sein!

Mein Leitspruch für dieses Jahr ist deshalb: „Aus dem Vollen schöpfen“. Damit meine ich den Anspruch, einen besseren Umgang mit Bedürfnissen zu finden. Im Alltag bedeutet dies zu erkennen was fehlt und dann bewusst auf das Bedürfnis eingehen. Sei es etwa durch Ruhe, gutes Essen, Bewegung, frische Luft, gute Gespräche oder schöpferische Arbeiten.

Die erste Januarwoche
Vergangene Woche hat es bisher gut geklappt mit den Vorhaben. Dank des Feiertags am Freitag brachte das lange Wochenende schon viel Entspannung. Endlich ausschlafen! Das Kätzchen hat sich auch gefreut und einen Gutteil meiner freien Zeit zum Spielen eingefordert.
Ein kleines Nähprojekt ist schon realisiert: ein Kirschkernkissen. Nachdem die Kirschkerne seit letztem Herbst in der Bastelkiste liegen…

Kirschkernkissen
Diese Nacht hat es geschneit und der Schnee ist in Stuttgart sogar liegengeblieben. Da hält es mich natürlich nicht mehr und ich bin durch den Stuttgarter Osten zur winterlichen Villa Berg marschiert. Was auch das Ziel vieler Familien mit kleinen Kindern war. Die hatten einen Spaß auf ihren Schlitten!

2017 KW1 Villa Berg
Ansonsten habe ich endlich den Schreibtisch aufgeräumt und Weihnachtspost beantwortet. Ein wenig traurig war es schon, die schönen Karten jetzt schon von der Pinnwand zu nehmen. Andererseits ist dort nun Platz für neue Vorhaben.
Ein TV-Beitrag, den ich sehr spannend fand und mit M. noch länger nachdiskutiert habe, war „Herrschaft der Zahlen“ aus der Reihe PRECHT. Richard David Precht im Gespräch mit Harald Lesch ergibt einen so dichten Austausch an Gedanken, dass mensch die Sendung gut zweimal ansehen kann um alles zu erfassen.

Alb-Wanderung: Filsursprung und Heimensteiner Höhle

Reussenstein

An Fronleichnam stand bei bestem Wetter eine Wanderung auf der Schwäbischen Alb auf dem Programm. Los ging es am Wanderparkplatz Bahnhöfle, im Dreieck Schopfloch – Neidlingen – Wiesensteig gelegen. Gleich wenige Meter nach dem Parkplatz hat man eine beeindruckende Aussicht über das Neidlinger Tal zur Ruine Reußenstein auf der anderen Seite.

Das erste Ziel auf dem Weg war die Heimensteiner Höhle. Allerdings ist der Höhlenausgang aktuell und noch bis Juli wegen der Brutzeit gesperrt. Ein Stück weiter ging es noch bis zur Hindenburg-Hütte. Auch von hier kann der Blick wunderbar weit schweifen.

Wir haben hier kehrt gemacht. Zurück am Bahnhöfle sind wir auf die andere Straßenseite gewechselt. Dort geht ein Weg am Waldrand entlang, der über das Hasental zum Filsursprung führt. Ringsum waren die Wiesen ganz gelb und lila von Hahnenfuß und Storchschnabel.

Große Weite

Der Weg zum Filsursprung geht beständig bergab. Auf der Strecke begegneten uns viele Radler, mit und ohne Elektro-Antrieb. Im Tal wird es ein wenig kühler und schattiger, ein angenehmer Ausgleich zur bereits starken Mai-Sonne auf der Wiese. Auf halber Strecke war ein lautes Summen zu hören und tatsächlich, hoch oben zwischen den Bäumen schwirrte ein großer Bienenschwarm.

Am Filsursprung hatten sich viele Familien mit kleinen Kindern eingefunden. Aus der Quelle wird erstaunlich schnell ein richtiger Bach, der zur Abkühlung und zum Spielen einlädt.

Der Weg zurück zum Parkplatz ging entsprechend wieder bergauf. Wir haben es bewältigt, waren aber am Ende doch ziemlich platt! Trotzdem: schön war’s!

Beasts of the Southern Wild

Beast

Dank der Eisheiligen fällt meine Urlaubswoche gerade kalt und trüb aus. Eine gute Voraussetzung für gemütliche Filmabende. Zwei der Highlights im Heimkino waren „A Long Way Down“ (2014) und „Beasts of the Southern Wild“ (2012).

„A Long Way Down“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nick Hornby: vier Menschen planen unabhängig voneinander am Silvesterabend Selbstmord zu begehen. Sie treffen sich zufällig, halten sich gegenseitig von ihrem Vorhaben ab und werden daraufhin zu einer Gemeinschaft. Alles dabei, was das britische Kino so schön macht: Witz, Tiefgang, schwarzer Humor und schräge Charaktere.

„Beasts of the Southern Wild“ wirkt wie ein Traum, voller Bilder und Stimmungen. Durch die Perspektive eines Kindes verschwimmen magische Elemente und reale Situationen. Das Kind, Hushpuppy wächst mit seinem Vater und einer wilden Gruppe Aussteiger im Sumpfland von Louisiana auf. Das Gelände soll geräumt werden, denn die Flut droht alles zu zerstören. Zudem ist der Vater schwer krank. Das befürchtete Unglück kommt, doch die Protagonisten kämpfen für ihr Leben. Ein wirklich ungewöhnlicher, starker Film.

 

Menschen auf der Flucht. Von der Relevanz der Geisteswissenschaften

Am 27. Januar 2016 wurde in Deutschland der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Unser Land trägt die Verantwortung, die Geschichte in Erinnerung zu halten und aus ihr die Lehren zu ziehen für eine offene, mitfühlende Gesellschaft, die niemand ausgrenzt weil er oder sie krank, hilfsbedürftig oder in irgendeiner Form abweichend vom Mainstream ist.

Viele Menschen auf dieser Erde sind aktuell hilfsbedürftig, denn in ihren Heimatländern herrschen Krieg, Hunger, Not, Verfolgung von Andersdenkenden oder Andersgläubigen. In der Hoffnung, dem Leid zu entkommen, haben Sie sich auf den Weg in eine friedlichere Region dieses Planeten gemacht, nach Europa, nach Deutschland, wo sie ihr Leib und Leben nicht länger in Gefahr wähnen. Gleichzeitig finden hier Bewegungen wie Pegida oder die Partei AfD mehr und mehr Zuspruch. Rechte Gewalt nimmt zu und viele Menschen haben Angst vor der Menge an Fremden, die ins Land kommen. Seitens Einzelner, der Politik oder der Medien werden Erklärungen geäußert, was gerade hier geschieht, wie es weitergehen kann oder wird. Manches Bild ist zuversichtlich, manches düster.

Wieso, weshalb, warum?

Mir scheint, um in der komplexen Situation rund um die Flüchtlinge mitreden zu können, ist es einerseits wichtig aufzuschlüsseln, wer, was, warum und wann sagt oder tut. Nur so lässt sich in einer immer hitzigeren Debatte ein kühler Kopf bewahren. Viel zu leicht werden sonst Unwahrheiten zu Fakten erklärt oder Äpfel mit Birnen verglichen. Die Menschen und ihre Beweggründe zu verstehen ist ein Anfang, mit Ihnen gemeinsam einen Weg in die Zukunft zu finden.

In der Debatte ist es andererseits sehr hilfreich, eine Vorstellung davon zu haben, wie eine funktionierende Gesellschaft aussehen kann. Sozusagen eine Vision oder Utopie zu entwickeln, auf die wir hinarbeiten wollen. Denn ohne zu wissen, wohin die Reise idealerweise gehen soll, ist es unwahrscheinlich das Ziel zu erreichen. In meiner Wahrnehmung kann Politik allein es nicht leisten diese Visionen auszuarbeiten. Politikerinnen und Politiker sind so in ihre Parteiprogramme und kurzen Amtszeiten eingespannt, dass für lange und oftmals langsame Prozesse oder den Blick auf das große Ganze oft kein Raum bleibt. Das ist etwas, was ich eher der Philosophie zutraue.

Mein persönlicher Blick auf das Thema ist u.a. geprägt durch ein Studium der Geisteswissenschaften: der Europäischen Ethnologie (Kulturwissenschaft) und der Anglistik (Literaturwissenschaft) an der Philipps-Universität Marburg. Zwei akademische Fächer, in deren Zusammenhang ich während der Studienzeit oft mit der Frage konfrontiert wurde: „Was lernt ihr da?“ Gefolgt von der für die fragende Person oft dringlicheren Ergänzung: „Und was macht man dann damit?“

Ganz vereinfacht ausgedrückt, haben wir gelernt, über die Menschen und ihre alltäglichen und historischen Ausdrucksformen nachzudenken, diese in einen Kontext zu setzen und zu deuten. Wir haben gelernt, neue Themen anzugehen, herauszuarbeiten, was wir da vor uns haben, worum es geht, welche Fragen und Methoden bei der Analyse helfen können. Wir haben gelernt, genau hinzuhören, zu differenzieren, auf feine Unterschiede bei der Wortwahl zu achten. Meinetwegen auch Erbsenzähler zu sein und Vereinfachungen zu scheuen. Kulturwissenschaftliche Fragen könnte zum Beispiel lauten: Warum feiern wir Fasching? Oder: Wie steht es um die schwäbische Mundart?

Hier die Fach-Definition der des EKW Instituts an der Uni Tübingen:

Die Tübinger Empirische Kulturwissenschaft (EKW) gehört zum Kreis der Fächer, die aus der Volkskunde hervorgegangen sind. Sie untersucht Phänomene der Alltagskultur in gegenwartsbezogener und historischer Perspektive. Beide Sichtweisen dienen dazu, die kulturelle Ordnung und Dynamik moderner Gesellschaften zu analysieren und zu interpretieren. Grundlegende theoretische Kategorie der EKW ist Kultur, verstanden als der permanente Prozess des praktischen Aushandelns der Regeln, nach denen Menschen, Gruppen und Gesellschaften zusammen leben, sich verständigen und voneinander abgrenzen. Die EKW erforscht, wie Menschen arbeiten, ihren Alltag organisieren und miteinander verkehren, wie sie mit dem natürlichen und kulturellen Erbe umgehen und welches Bild sie sich von diesen Beziehungen selbst machen.

Worauf ich hinauswill: Bei dem, was gerne als „Flüchtlingskrise“ bezeichnet wird, sehe ich die Geisteswissenschaften und alle, die sich mit ihnen assoziieren ganz deutlich in der Pflicht, ihre Perspektive in den öffentlichen Diskurs einzubringen! Das heißt, ihre Fähigkeit anzuwenden, aktuelle Entwicklungen aus wissenschaftlicher Sicht einzuordnen und so unserer Gesellschaft Orientierung zu bieten. Denn die Analyse ist die große Stärke dieser Disziplinen. Sie ist, polemisch ausgedrückt, ein Feld, das nicht den Wirtschaftswissenschaften überlassen werden darf. Damit lässt sich auch die Frage nach dem Wert, dem Sinn und Zweck dieser Fächer beantworten.

Wir und die anderen

Ein paar persönliche Gedanken zum Thema. In dem Wort „Flüchtlingskrise“ schwingt mit, dass nicht nur die Menschen auf der Flucht eine Krise durchleben, sondern auch dass unsere Gesellschaft durch die Zuwanderung von vielen Not leidenden Menschen in eine Krise gerät. Die Krise der Gesellschaften, die sich mit großer Zuwanderung konfrontiert sehen, äußert sich in den Ängsten der Menschen vor steigender Gewalt, ausgehend von den Einwanderern. Außerdem in der Angst Einzelner vor dem eigenen gesellschaftlichem Abstieg und der Befürchtung, dass die finanziellen Mittel eines Landes nie und nimmer für alle reichen können. Eine weitere verbreitete Angst ist der drohende Verlust der eigenen kulturellen Identität, anders ausgedrückt, die „Überfremdung“.

Bei Letzterem geht es ums Eingemachte, um unsere Identität als Einzelperson und als Gruppe. Dabei lässt sich gar nicht so einfach oder eindeutig beantworten, was da scheinbar in Gefahr gerät. Was macht unsere Kultur, unsere Identität aus? Die eigene Sprache, die Sitten und Gebräuche einer Gruppe? Was ist Identität und wie entsteht sie? Was ist Kultur? Was ist deutsch? Es sind Konstrukte, historisch gewachsene und noch wachsende Gebilde. Eine Gemengelage aus Zuschreibungen durch andere, Klischees, Abgrenzungen von anderen.

Und wer sind die Anderen, die Fremden? Was wissen wir von ihnen? Was glauben wir zu wissen? Woher kommt unser (gefühltes) Wissen? – Von Gesprächen mit unserem Umfeld, von Meinungsmachern, aus der Politik, der Wirtschaft, aus den sozialen Netzwerken. Sind diese Quellen glaubhaft?

Angenommen, wir haben ein Bild von den Anderen, in diesem Fall von den Flüchtlingen. Welche Haltung nehmen wir ihnen gegenüber ein? Eine offene, ablehnenden, indifferente, entschiedene, empathische? Und warum, woher kommt unsere Haltung? Gründet sie in der Vernunft, der Ethik, der Humanität, einem christlichen Weltbild, einer ökonomischen oder kapitalistischen Sicht der Dinge? Welche Werte und Normen leiten uns? Von der Frage nach der eigenen Haltung geht es weiter zur Frage, wie sollen wir handeln?

Damit wiederum hängt zusammen, wie wir von anderen wahrgenommen werden wollen. Wenn die deutsche Bundeskanzlerin Stellung bezieht, Zuversicht äußert und sagt, „Wir schaffen das,“ hat dies eine Wirkung auf Selbstbild und Fremdwahrnehmung der Deutschen. Denn eine bestimmte Haltung zu vertreten bedeutet eine Reaktion von anderen hervorzurufen, sei es Zustimmung, sei es Ablehnung. Es bedeutet, die eigene Identität aktiv zu formen.

Fazit

Mein Ideal ist, selber denken und dabei Herz und Verstand benutzen. In der Hoffnung, mehr von den Geisteswissenschaften im öffentlichen Diskurs zu hören als die Frage, ob man nach so einem Studium direkt als Taxifahrerin arbeiten möchte. Und in der Hoffnung, Leute für das Studium dieser nicht in erster Linie auf wirtschaftliche Nützlichkeit getrimmten Fächer zu motivieren, denn in meinen Augen sind sie unbedingt wichtig für unsere Gesellschaft.