Am 27. Januar 2016 wurde in Deutschland der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Unser Land trägt die Verantwortung, die Geschichte in Erinnerung zu halten und aus ihr die Lehren zu ziehen für eine offene, mitfühlende Gesellschaft, die niemand ausgrenzt weil er oder sie krank, hilfsbedürftig oder in irgendeiner Form abweichend vom Mainstream ist.

Viele Menschen auf dieser Erde sind aktuell hilfsbedürftig, denn in ihren Heimatländern herrschen Krieg, Hunger, Not, Verfolgung von Andersdenkenden oder Andersgläubigen. In der Hoffnung, dem Leid zu entkommen, haben Sie sich auf den Weg in eine friedlichere Region dieses Planeten gemacht, nach Europa, nach Deutschland, wo sie ihr Leib und Leben nicht länger in Gefahr wähnen. Gleichzeitig finden hier Bewegungen wie Pegida oder die Partei AfD mehr und mehr Zuspruch. Rechte Gewalt nimmt zu und viele Menschen haben Angst vor der Menge an Fremden, die ins Land kommen. Seitens Einzelner, der Politik oder der Medien werden Erklärungen geäußert, was gerade hier geschieht, wie es weitergehen kann oder wird. Manches Bild ist zuversichtlich, manches düster.

Wieso, weshalb, warum?

Mir scheint, um in der komplexen Situation rund um die Flüchtlinge mitreden zu können, ist es einerseits wichtig aufzuschlüsseln, wer, was, warum und wann sagt oder tut. Nur so lässt sich in einer immer hitzigeren Debatte ein kühler Kopf bewahren. Viel zu leicht werden sonst Unwahrheiten zu Fakten erklärt oder Äpfel mit Birnen verglichen. Die Menschen und ihre Beweggründe zu verstehen ist ein Anfang, mit Ihnen gemeinsam einen Weg in die Zukunft zu finden.

In der Debatte ist es andererseits sehr hilfreich, eine Vorstellung davon zu haben, wie eine funktionierende Gesellschaft aussehen kann. Sozusagen eine Vision oder Utopie zu entwickeln, auf die wir hinarbeiten wollen. Denn ohne zu wissen, wohin die Reise idealerweise gehen soll, ist es unwahrscheinlich das Ziel zu erreichen. In meiner Wahrnehmung kann Politik allein es nicht leisten diese Visionen auszuarbeiten. Politikerinnen und Politiker sind so in ihre Parteiprogramme und kurzen Amtszeiten eingespannt, dass für lange und oftmals langsame Prozesse oder den Blick auf das große Ganze oft kein Raum bleibt. Das ist etwas, was ich eher der Philosophie zutraue.

Mein persönlicher Blick auf das Thema ist u.a. geprägt durch ein Studium der Geisteswissenschaften: der Europäischen Ethnologie (Kulturwissenschaft) und der Anglistik (Literaturwissenschaft) an der Philipps-Universität Marburg. Zwei akademische Fächer, in deren Zusammenhang ich während der Studienzeit oft mit der Frage konfrontiert wurde: „Was lernt ihr da?“ Gefolgt von der für die fragende Person oft dringlicheren Ergänzung: „Und was macht man dann damit?“

Ganz vereinfacht ausgedrückt, haben wir gelernt, über die Menschen und ihre alltäglichen und historischen Ausdrucksformen nachzudenken, diese in einen Kontext zu setzen und zu deuten. Wir haben gelernt, neue Themen anzugehen, herauszuarbeiten, was wir da vor uns haben, worum es geht, welche Fragen und Methoden bei der Analyse helfen können. Wir haben gelernt, genau hinzuhören, zu differenzieren, auf feine Unterschiede bei der Wortwahl zu achten. Meinetwegen auch Erbsenzähler zu sein und Vereinfachungen zu scheuen. Kulturwissenschaftliche Fragen könnte zum Beispiel lauten: Warum feiern wir Fasching? Oder: Wie steht es um die schwäbische Mundart?

Hier die Fach-Definition der des EKW Instituts an der Uni Tübingen:

Die Tübinger Empirische Kulturwissenschaft (EKW) gehört zum Kreis der Fächer, die aus der Volkskunde hervorgegangen sind. Sie untersucht Phänomene der Alltagskultur in gegenwartsbezogener und historischer Perspektive. Beide Sichtweisen dienen dazu, die kulturelle Ordnung und Dynamik moderner Gesellschaften zu analysieren und zu interpretieren. Grundlegende theoretische Kategorie der EKW ist Kultur, verstanden als der permanente Prozess des praktischen Aushandelns der Regeln, nach denen Menschen, Gruppen und Gesellschaften zusammen leben, sich verständigen und voneinander abgrenzen. Die EKW erforscht, wie Menschen arbeiten, ihren Alltag organisieren und miteinander verkehren, wie sie mit dem natürlichen und kulturellen Erbe umgehen und welches Bild sie sich von diesen Beziehungen selbst machen.

Worauf ich hinauswill: Bei dem, was gerne als „Flüchtlingskrise“ bezeichnet wird, sehe ich die Geisteswissenschaften und alle, die sich mit ihnen assoziieren ganz deutlich in der Pflicht, ihre Perspektive in den öffentlichen Diskurs einzubringen! Das heißt, ihre Fähigkeit anzuwenden, aktuelle Entwicklungen aus wissenschaftlicher Sicht einzuordnen und so unserer Gesellschaft Orientierung zu bieten. Denn die Analyse ist die große Stärke dieser Disziplinen. Sie ist, polemisch ausgedrückt, ein Feld, das nicht den Wirtschaftswissenschaften überlassen werden darf. Damit lässt sich auch die Frage nach dem Wert, dem Sinn und Zweck dieser Fächer beantworten.

Wir und die anderen

Ein paar persönliche Gedanken zum Thema. In dem Wort „Flüchtlingskrise“ schwingt mit, dass nicht nur die Menschen auf der Flucht eine Krise durchleben, sondern auch dass unsere Gesellschaft durch die Zuwanderung von vielen Not leidenden Menschen in eine Krise gerät. Die Krise der Gesellschaften, die sich mit großer Zuwanderung konfrontiert sehen, äußert sich in den Ängsten der Menschen vor steigender Gewalt, ausgehend von den Einwanderern. Außerdem in der Angst Einzelner vor dem eigenen gesellschaftlichem Abstieg und der Befürchtung, dass die finanziellen Mittel eines Landes nie und nimmer für alle reichen können. Eine weitere verbreitete Angst ist der drohende Verlust der eigenen kulturellen Identität, anders ausgedrückt, die „Überfremdung“.

Bei Letzterem geht es ums Eingemachte, um unsere Identität als Einzelperson und als Gruppe. Dabei lässt sich gar nicht so einfach oder eindeutig beantworten, was da scheinbar in Gefahr gerät. Was macht unsere Kultur, unsere Identität aus? Die eigene Sprache, die Sitten und Gebräuche einer Gruppe? Was ist Identität und wie entsteht sie? Was ist Kultur? Was ist deutsch? Es sind Konstrukte, historisch gewachsene und noch wachsende Gebilde. Eine Gemengelage aus Zuschreibungen durch andere, Klischees, Abgrenzungen von anderen.

Und wer sind die Anderen, die Fremden? Was wissen wir von ihnen? Was glauben wir zu wissen? Woher kommt unser (gefühltes) Wissen? – Von Gesprächen mit unserem Umfeld, von Meinungsmachern, aus der Politik, der Wirtschaft, aus den sozialen Netzwerken. Sind diese Quellen glaubhaft?

Angenommen, wir haben ein Bild von den Anderen, in diesem Fall von den Flüchtlingen. Welche Haltung nehmen wir ihnen gegenüber ein? Eine offene, ablehnenden, indifferente, entschiedene, empathische? Und warum, woher kommt unsere Haltung? Gründet sie in der Vernunft, der Ethik, der Humanität, einem christlichen Weltbild, einer ökonomischen oder kapitalistischen Sicht der Dinge? Welche Werte und Normen leiten uns? Von der Frage nach der eigenen Haltung geht es weiter zur Frage, wie sollen wir handeln?

Damit wiederum hängt zusammen, wie wir von anderen wahrgenommen werden wollen. Wenn die deutsche Bundeskanzlerin Stellung bezieht, Zuversicht äußert und sagt, „Wir schaffen das,“ hat dies eine Wirkung auf Selbstbild und Fremdwahrnehmung der Deutschen. Denn eine bestimmte Haltung zu vertreten bedeutet eine Reaktion von anderen hervorzurufen, sei es Zustimmung, sei es Ablehnung. Es bedeutet, die eigene Identität aktiv zu formen.

Fazit

Mein Ideal ist, selber denken und dabei Herz und Verstand benutzen. In der Hoffnung, mehr von den Geisteswissenschaften im öffentlichen Diskurs zu hören als die Frage, ob man nach so einem Studium direkt als Taxifahrerin arbeiten möchte. Und in der Hoffnung, Leute für das Studium dieser nicht in erster Linie auf wirtschaftliche Nützlichkeit getrimmten Fächer zu motivieren, denn in meinen Augen sind sie unbedingt wichtig für unsere Gesellschaft.

 

 

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