Da sitzt die Katze in der Tür: Soll ich raus, soll ich nicht? Drinnen ist’s sicher, aber draußen ist’s interessant. Eine Abwägung, die auch im Menschenhirn nicht immer ganz rational abläuft. Es gibt Momente, da haben wir Angst.

Aus Angst vermeiden wir etwas, fühlen uns gelähmt oder ergreifen die Flucht. Wenn ich unerwartet einer Spinne begegne, schüttelt und ekelt es mich. Klassische Spinnenphobie. Meine Taktik ist abzuwägen, ob ich dem Tierchen aus dem Weg gehen bzw. es ignorieren kann oder ob es besser woanders vor sich hinspinnen sollte. Eine Alternative wäre sicher eine Verhaltenstherapie. Doch solange wir nicht von einer Spinnenplage heimgesucht werden, geht’s noch so. Alle Menschen haben ihren eigenen Umgang mit der Angst.

Wenn die Angst jedoch übermächtig wird, einen zum Beispiel in Panik-Attacken befällt, ist etwas in uns aus dem Gleichgewicht geraten. Dann ist aus der Angst eine Angststörung geworden, eine psychische Erkrankung. Aus dem eigenen Erleben kenne ich solche Momente nicht. Mein Urvertrauen scheint soweit intakt, dass die Angst mich nicht überwältigt. Wie Matthias sagt, gerate ich allerdings aus meiner Mitte, wenn finanzielle Engpässe drohen. Also die Sicherheit, die ein gutes Finanzpolster mit sich bringt, nicht gegeben ist. Dann kommen auch bei mir Katastrophengedanken.

Was mich jedoch seit fast 10 Jahren begleitet, ist mein Status als Angehörige eines Menschen mit einer Angststörung. 2013 hatte Matthias die Diagnose Sozialphobie bekommen und war mehrere Wochen stationär und danach ambulant in Behandlung. Das war damals eine schwere Zeit. Schwerer als der Gang in die Klinik war jedoch die Zeit davor, die Unsicherheit. Was ist los? Warum geht es ihm schlecht? Wie sollen wir – sein persönliches Umfeld – mit der Situation umgehen?

Sich professionelle Hilfe zu holen war der Startpunkt für eine unglaublich positive Entwicklung! Und wirklich das Beste, was wir tun konnten. Ohne diese Hilfe wäre eine Besserung nicht möglich gewesen. Doch auch das eigene Mitwirken von Matthias war ganz entscheidend auf dem Weg zur Genesung.

Leben mit der Angst

Mit der Angst umzugehen ist ein Lernprozess. Sie zählt zu den Affekten und gehört zum Menschsein dazu. Das bedeutet, für uns alle kann es hilfreich sein, die eigenen Ängste zu kennen und mit ihnen umgehen zu lernen. Durch eine Therapie wird die Angst nicht gänzlich verschwinden. Sie wird allerdings im Idealfall wieder beherrschbar und verstehbar.

Bei der Recherche zu diesem Blogartikel bin ich auf einen Beitrag im Deutschlandfunk gestoßen, den ich unten verlinke: Angst in der Moderne. Es werden darin philosophische Fragen rund um die Angst beleuchtet. Im Artikel wird der Philosoph Sören Kierkegaard mit den Worten zitiert: „Dies ist ein Abenteuer, das jeder Mensch zu bestehen hat: Sich ängstigen lernen, damit man nicht verloren ist. Entweder weil man sich niemals geängstigt hat, oder weil man in der Angst versunken ist. Wer aber sich recht ängstigen lernte, der hat das Höchste gelernt. Die Angst ist die Möglichkeit der Freiheit.“

Niemand gibt gerne zu, manchmal Angst zu haben. Genauso kostet es Überwindung, über psychische Probleme zu sprechen. Sei es, weil das Thema mit Scham besetzt ist, sei es, weil tatsächlich gesellschaftliche Stigmatisierung droht. Doch wie ich Kierkegaard verstehe, besteht in der Auseinandersetzung mit dem, was uns Angst macht, die Chance persönlich zu wachsen.

Was kann ich als Angehörige tun?

Zum Glück kommt es nur noch selten vor, dass Matthias so richtig von der Angst ausgebremst wird. Dann hilft es uns beiden, dieses Situation erstmal anzuerkennen. Das heißt, Tempo rausnehmen und nicht einfach darüber hinweggehen. In dem Moment ist für ihn alle Sicherheit abhanden gekommen. Die braucht es aber als Basis um wieder in die Spur zu kommen. Da kann zum Beispiel eine Umarmung helfen oder der Hinweis von mir: Atme! Hierdurch wird der Fokus wieder etwas von der Psyche auf den sie umgebenden Körper verlagert. Danach geht es vielleicht, das unkonkrete beklemmende Gefühl der Angst in Worte zu fassen: Was macht gerade Unsicherheit bzw. Angst? Sobald das Hirn sich mit dem Formulieren beschäftigen muss, schaltet sich der Teil ein, der für rationale Handlungen zuständig ist. Davor war es der ursprüngliche Teil, in dem die Affekte zuhause sind.

Wir sind da natürlich schon etwas geübt. Wird man ganz neu mit einem oder einer Angehörigen in einer Krise konfrontiert, rate ich auf jeden Fall, sich professionelle Hilfe zu holen. Wenn akute Gefahr für Leib und Leben besteht, durchaus auch beim Rettungsdienst (112) oder der Polizei (110). Wenn Zeit bleibt für ein geplantes Vorgehen, gibt es regionale Anlaufstellen, zum Beispiel die sozialpsychiatrischen Dienste.

Weiterführende Links:

„Angst in der Moderne. Entlang einer bodenlosen Tiefe“, Deutschlandfunk 22.11.2017

„Diagnose Sozialphobie“, Zellmi 05.07.2013

Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V., Stand 06.02.2022

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