Buchkover von Shylock is my name

Meine letzte Lektüre hat mich ziemlich nachdenklich gestimmt. Der Titel des englischen Romans von 2016 lautetet „Shylock Is My Name“. Vom Autor Howard Jacobson hatte ich noch nicht gehört und Shylock klang einfach ein wenig wie Sherlock (Holmes).

Die Geschichte spielt in England, vielleicht um das Jahr in dem sie geschrieben wurde. Zwei Fremde treffen sich auf einem Friedhof, unterhalten sich und führen ihre Konversation in den kommenden Tagen fort. Der eine ist ein reicher Kunsthändler, der andere ein Witwer namens Shylock. Sie haben einige Gemeinsamkeiten: beide sind jüdischen Glaubens, beide haben Differenzen mit ihren Teenager-Töchtern und ziehen diese ohne Mutter auf. Wobei die Frau des Kunsthänders lebt, jedoch krankheitsbedingt nicht aktiv an der Erziehung teilhaben kann.

Der Kunsthändler merkt sofort, mit wem er es zu tun hat, scheint diese Begegnung jedoch nicht in Frage zu stellen. Shylock ist eine Figur aus dem Shakespear-Drama „Der Kaufmann von Venedig“. Da ich das Stück noch nicht gelesen habe, aber noch lesen möchte, nur eine kurze Google Recherche: Der Charakter des Shylock ist ein venezianischer Geldverleiher. Seine Figur ist aufgeladen mit Vorurteilen gegenüber Juden. Shylock ist Gegenspieler des Kaufmanns Antonio.

Im Roman „Shylock Is My Name“ gerät der Kunsthändler Simon Strulovitch in eine ähnliche Situation wie Shylock in Shakespeares Werk. Die beiden Männer tauschen sich immer wieder darüber aus, was es bedeutet, Jude zu sein. Was es für ihre Ehe und die Erziehung ihrer Töchter heißt, wie sie sich selbst sehen, wie sie die Reaktion ihrer Umwelt wahrnehmen. Diese Reaktionen bestehen zum großen Teilen aus Vorurteilen und Ablehnung bis zum Hass.

Welche Wahrnehmung habe ich von jüdischer Geschichte und Kultur?

Wann und wie bin ich damit in meinem Leben in Berührung gekommen? Welche Personen fallen mir ein? Das habe ich mich nach der Lektüre gefragt. Am auffälligsten ist wahrscheinlich, dass ich keine persönlichen Kontakte zu Jüdinnen und Juden habe. Ich kenne Atheisten, mehr oder weniger gläubige Christen, Muslime und praktizierende BuddhistInnen. Menschen aus allen möglichen Ländern, aber niemand aus Israel.

Wenn ich chronologisch zurückschaue, sind wahrscheinlich die ersten Eindrücke von der Unterschiedlichkeit von Juden und Christen auf dem Friedhof in Esslingen entstanden. Da gab und gibt es ein eigenes jüdisches Grabfeld. Als Kind fand ich ungewöhnlich, dass da eine andere Schrift auf den Steinen war und keine Blumen auf den Gräbern.

In der Grundschule in den 80ern ging es im Religionsunterricht um die Geschichte der Juden und von Jesus. In meiner kindlichen Vorstellung waren das eben die Leute, die da irgendwo in einem fernen, warmen Land gewohnt haben und von denen uns abenteuerliche Geschichten voller Wunder erzählt wurden: sie waren etwa aus Ägypten vertrieben worden und hatten zum Beispiel in der Wüste das Wunder mit dem Manna erlebt.

Im Fernsehen kam irgendwann der Ritterfilm „Ivanhoe – Der schwarze Ritter“ (1952). Darin gab es mit Rebecca und ihrem Vater Isaac zwei jüdische Figuren. Sie waren freundlich zum Ritter und wurden von den anderen wie Geächtete behandelt. Ebenfalls aus dem Fernsehen sind mir der Moderator Michel Friedmann und Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in Erinnerung. Oder der Schauspieler Leonard Nimoy aus Star Treck. Dass sie Juden waren hatte für mich als Heranwachsende keine größere Bedeutung. Als leichte Lektüre gab es bei uns außerdem Bücher des Satirikers Ephraim Kishon.

Auf dem Gymnasium lernten wir in den 90ern fächerübergreifend über den Holocaust. Das heißt, in den verschiedenen Fächern wurden unterschiedliche Aspekte des Themas behandelt. 1993 kam der Film „Schindlers Liste“ in die Kinos, den wir auch in der Schule angesehen und besprochen haben. „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist mir ein Begriff, habe es aber bisher nicht gelesen. Aus dem Gelernten zeichnete sich ganz deutliche die Schuld und die historische Verantwortung Deutschlands ab. Das war klar und unmissverständlich. Seit 1992 gab es an immer mehr Stellen vor Häusern die sogenannten „Stolpersteine“: kleinen, messingfarbenen Gedenktafeln für die Opfer des Nationalsozialismus.

In den Nachrichten tauchten immer wieder Berichte von antisemitischen Überfällen durch Neonazis in Deutschland auf. In den Nachrichten aus aller Welt wurde immer wieder vom Nahostkonflikt berichtet, von den Kämpfen zwischen Israelis und Palästinensern. Die Brücke zwischen den biblischen Figuren, der deutschen Geschichte, den Neonazis und den Vorgängen im nahen Osten zu schlagen, war und ist nicht ganz einfach.

Fremdwahrnehmung und Eigenwahrnehmung

Wenn es um Alltagskultur geht und den Umgang von Menschen mit ihrer jüdischen Kultur, ihrer Herkunft und dem Glauben, bin ich froh um ein paar aktuelle Serien und Twitter. Auch wenn es sich bei den Serien natürlich um Fiktion handelt und dort mit Vorurteilen gespielt wird, geht es doch endlich einmal um die Eigensicht der Personen auf ihr Leben. Die Familien in „The Marvelous Mrs. Maisel“ und Howard aus „The Big Bang Theory“ fallen mir da ein. Auf Twitter lässt uns die Psychologin Marina Weisband an ihrem Erleben teilhaben und leisten ganz praktische Aufklärungsarbeit.

So zum Beispiel mit der kleinen Youtube-Serie #FragEinenJuden von 2020.

Vom Sender arte gibt es auf YouTube die spannende 4-teilige Dokumentation „Eine Geschichte des Antisemitismus„. Die Doku hatte mir im Nachgang des Romans „Shylock Is My Name“ sehr zum Verständnis geholfen.

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