Eva Luna im Nachtzug nach Lissabon
Natali 29. November 2009

Mit meinem letzen Lesestoff bin ich in zwei höchst unterschiedliche Leben eingetaucht. Ob die beiden Protagonisten sich wohl verstanden hätten?
Nach Portugal…
Gestern bin ich mit Pascal Merciers “Nachtzug nach Lissabon” fertig geworden, einem Roman, der ruhig dahingleitet wie ein großer Strom. Die Hauptperson, Raimund Gregorius, Lehrer für alte Sprachen in Bern, macht sich aus einem plötzlichen Impuls heraus aus seinem Leben davon. Mit der biographischen Erzählung des portugisischen Arztes Amadeu de Prado in den Händen, reist er Hals über Kopf nach Lissabon und lernt dort auf dessen Spur ein neues Leben kennen.
Indem Gregorius die Aufzeichnungen des Arztes betrachtet, ist es, als lese man zwei Bücher in einem, eine Geschichte in der Geschichte. Wobei die Gedankengänge des Arztes durch philosophische Tiefe ausgezeichnet sind, etwa wie dieser: “Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt.”
Wie der stets überlegte und bescheidene, eher langweilige Gregorius in der fremden Umgebung aufblüht und sich von seiner Neugier treiben lässt, wirkt sehr befreiend. Da ist einer, der vielleicht in letzter Minute aus den eingefahrenen Bahnen ausgebrochen ist und dadurch viel gewonnen hat.
Nach Südamerika…
Ein weiteres Mal Isabel Allende. Nach “Mein erfundenes Land” und “Paula” war meine letzte Lektüre der Chilenin “Eva Luna”. Im Gegensatz zu der traurigen Erzählung über Allendes sterbender Tochter Paula kam dieser Roman sehr viel leicher daher, um im Bild zu bleiben, eher ein sich munter schlängelnder Bach. Ein fröhliches Buch, wie sie selbst darüber im Klappentext zitiert wird.
Die Protagonistin Eva Luna, nach der der Roman benannt ist, wird als Tochter eines Dienstmädchens in schwierige Verhältnisse hineingeboren und auch das nicht näher bezeichnete südamerikanische Land, in dem sie aufwächst, erfährt turbulente Zeiten. Ihre Mutter stirbt als sie noch klein ist, über ihren Vater, den sie nie kennenlernt, erzählt Eva Luna ganz zu Beginn des Romans: “Mein Vater, ein Indio mit gelben Augen, war an jenem Ort zu Hause, wo hundert Flüsse zusammenfließen, er roch nach Wald und blickete nie hinauf in den Himmel, denn er war unter der Kuppel der Bäume groß geworden, und das Licht dünkte ihn schamlos.” Die Sicherheit, mit der sich Allendes Heldin in einer unsicheren Welt und zwischen den teils exzentrischen Gestalten bewegt, gleicht der eines Traumwandlers. Sie schöpft ihre Kraft aus den Erzählungen ihrer Mutter und ihrer Einbildungskraft und wird selbst zur Geschichtenerzählerin. Womit Eva Luna letztlich einen Weg beschreibt, der ihrer Schöpferin Allende sehr ähnelt.
Beide Romane haben mich mit ihrer Spannung schlichtweg entführt. Mercier in eine Welt der grundlegenden Gedanken, Allende mehr in die der Sinnesfreuden. Von beiden möchte ich definitiv mehr lesen, wobei ich Allende den Rückgriff auf wiederkehrende Motive, wie etwa das Geschichtenerzählen, gern verzeihe.
Wer nun auf die beiden Bücher neugierig geworden ist, kann Eva Luna und Nachtzug nach Lissabon
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