Archiv für das Tag 'Isabel Allende'

Das Siegel der Tage

Natali 3. Juli 2010

Sie mag klein an Statur sein, aber im Erzählen skurriler Geschichten aus dem Leben ist Isabel Allende ganz groß. Gestern habe ich die letzten Seiten ihres 2009 erschienen Romans “Das Siegel der Tage” gelesen. Das Original kam 2007 unter dem Titel “La suma de los dias” heraus.

Der Roman ist in Form eines langen Briefes gehalten, den Allende ihrer 1992 verstorbenen Tochter Paula schreibt. Ähnlich wie in “Mein erfundenes Land” bleibt sie daher sehr eng bei ihrer eigenen Lebensgeschichte und den teils haarsträubenden Ereignissen in ihrer Sippe.

Insofern habe ich mich oft gefragt, was nun tatsächlich geschehen ist und was einfach gut in die Erzählung gepasst hat und dazuerfunden ist. Aber letztlich ist das gar nicht wichtig, auch wenn die Charaktere in “Das Siegel der Tage” manchmal so schräg daher kommen, als seien sie direkt einem Zirkus entlaufen.

Mir gefällt die Mischung aus tragischen Wendungen und augenzwinkernder Selbsterkenntnis. Ich habe das Gefühl, das Schreiben hat sie tatsächlich vor größerem Kummer geschützt. Sicher könnte man es schlicht Exhibitionismus nennen, solch private Dinge öffentlich auszubreiten. Die Offenheit, mit der sie über Dinge wie Eltern-Kind-Konflikte, Beziehungskisten oder die Zeichen des Alters schreibt, hört sich an, als sei hier jemand mit sich im Reinen.  Auch wenn es ein beständiger Kampf mit den eigenen Marotten ist, die lesen sich darum umso vergnüglicher.

Eva Luna im Nachtzug nach Lissabon

Natali 29. November 2009

Luna_Nachtzug

Mit meinem letzen Lesestoff bin ich in zwei höchst unterschiedliche Leben eingetaucht. Ob die beiden Protagonisten sich wohl verstanden hätten?

Nach Portugal…

Gestern bin ich mit Pascal Merciers “Nachtzug nach Lissabon” fertig geworden, einem Roman, der ruhig dahingleitet wie ein großer Strom. Die Hauptperson, Raimund Gregorius, Lehrer für alte Sprachen in Bern, macht sich aus einem plötzlichen Impuls heraus aus seinem Leben davon. Mit der biographischen Erzählung des portugisischen Arztes Amadeu de Prado in den Händen, reist er Hals über Kopf nach Lissabon und lernt dort auf dessen Spur ein neues Leben kennen.

Indem Gregorius die Aufzeichnungen des Arztes betrachtet, ist es, als lese man zwei Bücher in einem, eine  Geschichte in der Geschichte. Wobei die Gedankengänge des Arztes durch philosophische Tiefe ausgezeichnet sind, etwa wie dieser: “Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt.”

Wie der stets überlegte und bescheidene, eher langweilige Gregorius in der fremden Umgebung aufblüht und sich von seiner Neugier treiben lässt, wirkt sehr befreiend. Da ist einer, der vielleicht in letzter Minute aus den eingefahrenen Bahnen ausgebrochen ist und dadurch viel gewonnen hat.

Nach Südamerika…

Ein weiteres Mal Isabel Allende. Nach “Mein erfundenes Land” und “Paula” war meine letzte Lektüre der Chilenin  “Eva Luna”. Im Gegensatz zu der traurigen Erzählung über Allendes sterbender Tochter Paula kam dieser Roman sehr viel leicher daher, um im Bild zu bleiben, eher ein sich munter schlängelnder Bach. Ein fröhliches Buch, wie sie selbst darüber im Klappentext zitiert wird.

Die Protagonistin Eva Luna, nach der der Roman benannt ist, wird als Tochter eines Dienstmädchens in schwierige Verhältnisse hineingeboren und auch das nicht näher bezeichnete südamerikanische Land, in dem sie aufwächst, erfährt turbulente Zeiten. Ihre Mutter stirbt als sie noch klein ist, über ihren Vater, den sie nie kennenlernt, erzählt Eva Luna ganz zu Beginn des Romans: “Mein Vater, ein Indio mit gelben Augen, war an jenem Ort zu Hause, wo hundert Flüsse zusammenfließen, er roch nach Wald und blickete nie hinauf in den Himmel, denn er war unter der Kuppel der Bäume groß geworden, und das Licht dünkte ihn schamlos.” Die Sicherheit, mit der sich Allendes Heldin in einer unsicheren Welt und zwischen den teils exzentrischen Gestalten bewegt, gleicht der eines Traumwandlers. Sie schöpft ihre Kraft aus den Erzählungen ihrer Mutter und ihrer Einbildungskraft und wird selbst zur Geschichtenerzählerin. Womit Eva Luna letztlich einen Weg beschreibt, der ihrer Schöpferin Allende sehr ähnelt.

Beide Romane haben mich mit ihrer Spannung schlichtweg entführt. Mercier in eine Welt der grundlegenden Gedanken, Allende mehr in die der Sinnesfreuden. Von beiden möchte ich definitiv mehr lesen, wobei ich Allende den Rückgriff auf wiederkehrende Motive, wie etwa das Geschichtenerzählen, gern verzeihe.

Wer nun auf die beiden Bücher neugierig geworden ist, kann Eva Luna und Nachtzug nach Lissabon bei amazon.de erstehen – und mir damit (Partnerprogramm sei Dank) nebenbei etwas Gutes tun…

Nicht auf den Mund gefallen – Isabel Allende

Natali 22. September 2009

2007 sprach Allende bei der alljährlichen TED Konferenz in Monterey über Frauen, Leidenschaft und Feminismus. Zu Beginn, finde ich, macht sie den Eindruck als sei sie etwas aufgeregt. Aber dann festigt sich ihre Stimme und sie erzählt in dieser ganz speziellen Mischung aus Ernsthaftigkeit, Witz, Koketterie und Selbstironie.

In den Kommentaren zum Video wurde kritisiert, dass sie sich nur an Frauen wende und die Teilhabe der Männer an einer positiven Veränderung der Welt ganz ausblende. Das mag zu einem gewissen Grad stimmen, die Männer spielen in ihren Romanen die zweite Geige. Trotzdem glaube ich nicht, dass sie Männer total vom Platz verweisen will, es geht ihr eher darum denen, die bisher zu wenig Gehör gefunden haben (Frauen u. Kinder) zu einer Stimme zu verhelfen. Insofern finde ich es in Ordnung, dieser Gruppe mehr Raum zu geben.

“Paula” von Isabell Allende

Nachdem ich in diesem Jahr bereits “Mein erfundenes Land” von Isabel Allende gelesen hatte – und schwer beeindruckt war, wollte ich unbedingt mehr von ihr lesen. Also hatte mir meine Mutter aus ihrer “Allende Sammlung” den Roman “Paula” ausgeliehen.

Und tatsächlich breitet die Autorin hier ihre Lebens- und Familiengeschichte, wie sie schon in “Mein erfundenes Land” anklang, weiter aus. Sie erzählt sie in einem langen Brief ihrer Tochter Paula, die mit 28 Jahren an Porphyrie erkrankt und nach einem  Jahr des Leidens schließlich im Kreis der Familie stirbt. Ein eindringlicher und persönlicher Text, der drastisch die elementaren Dinge des Lebens deutlich macht: Liebe, Leid, Gesundheit, Einsamkeit, Familie, Mut, Aufgabe, Starre und Verwandlung.

Ich frage mich, wie viel die Geschichtenerzählerin Allende zu ihrem dramatischen Lebensbericht hinzuerfunden hat und wie viel davon blanke Wahrheit ist. Schließlich ist “Paula” ein Roman und keine Dokumentation, Ausschmückungen sind also legitim. Viele starke Erlebnisse für ein einzelnes Menschenleben sind es trotzdem, selbst wenn einige nicht ganz so vorgefallen sind.

Mut aus der Not

Nicht, dass ich Lust hätte einen Militärputsch zu erleben oder ins politische Exil flüchten zu müssen. Aber wenn ich mein recht sicheres Leben hier in Deutschland daneben stelle, kommt das doch eher langweilig daher. Vielleicht sind Krisensituationen, so schlimm sie in dem Moment für die betroffene Person auch sind, auch dienlich. Wenn es darum geht, die eigenen Kräfte zu mobilisieren, über sich hinaus zu wachsen oder anderenfalls unterzugehen.

Besonders berührend finde ich daher auch das Gefühl von Gemeinschaft, das Allende beschreibt wenn die Familie oder Freunde sich in schweren Zeiten helfen und in guten Zeiten feiern oder in die Haare kriegen. Wer es bequem hat, kommt nicht in die Situation, schlummerde Energien zu wecken oder andere um Hilfe zu bitten und so freundschaftliche Beziehungen zu knüpfen, die in einem tiefen gegenseitigen Vertrauen gründen.

Heimweh nach … Literatur

Natali 29. Juni 2009

Buch_Allende

Die Tage habe ich ein wundervolles Buch gelesen, das mich endlich einmal wieder so richtig gefesselt hat. Vielleicht war es auch einfach genau die richtige Zeit, diesen Text jetzt aus dem Regal zu nehmen. Die Rede ist von “Mein erfundenes Land” von Isabel Allende.

Sie erzählt darin ihre Geschichte,  die Ihrer Familie und die Landesgeschichte Chiles. Sie erzählt vom Heimweh, dem Leben als Migrantin, und wie sie zum Schreiben kam. Das alles sehr amüsant und pointiert bis makaber. Etwa so:

Unser Kühlschrank, der vierzig Jahre ohne eine Reparatur überstand, wurde von einem lärmenden U-Boot-Motor angetrieben, der das Haus zuweilen in einem Hustenanfall erschütterte. Mit einem Besen kehrte die Köchin die Leichen der Kätzchen hervor, die unter dem Kühlschrank Wärme gesucht hatten und von Stromschlägen getötet wurden. Im Grunde war diese Form der Prophylaxe ein Segen, denn auf dem Speicher kamen Dutzende Kätzchen zur Welt,…

Ich war ganz begeistert davon, wie reflektiert diese Autorin über die Zusammenhänge der eigenen Biographie, der historischen Ereignisse, der Tätigkeit des Schreibens und die Rolle der Erfindung sinniert.

Als Literaturwissenschaftlerin finde ich genau diese Metaebene spannend. Den Punkt, an dem im Text über die Entstehung des Textes selbst gesprochen wird. Denn hier kommen die äußeren und inneren Impulse für eine Arbeit auf den Tisch, also eben zum Beispiel die Besonderheiten der chilenischen Kultur, die Wirkung der Landschaft und der klimatischen Verhältnisse auf den Alltag der Menschen. Themen, die dann wieder das zweite Fach berühren, das ich studiert habe: Kulturwissenschaft.

Warum ich nicht vorher schon etwas von dieser interessanten Frau gelesen haben? Vielleicht weil ich die Filme “Das Geisterhaus” und “Von Liebe und Schatten” als Jugendliche zwar ganz nett aber auch etwas schwülstig fand. Von dem Sprachwitz war da nichts zu erkennen. Oder weil ich Ihre Romane etwas abwertend als “Frauenliteratur” abgetan habe, ein fieser Begriff, über den es sich auch einmal lohnen würde, genauer nachzuforschen.

Sollte ich jemals mein Schul-Spanisch wieder ernsthaft auffrischen, wäre es jedenfalls eine Herausforderung, ein Allende Buch auf Spanisch zu lesen.

Was mir Frau Allende heute auch sympathisch macht, ist sicher ihr in “Mein erfundenes Land” angesprochener feministischer Antrieb. Dieser ist begründet in ihrer Biographie, doch ist leider auch 2009 noch nicht alles gerecht und kuschelig zwischen den Geschlechtern. In Chile nicht und auch sonst auf der Welt.