Natali 17. September 2009

Am 12. u. 13. September 09 fand im Literaturhaus das Barcamp Stuttgart 2 statt. Eine Veranstaltung mit etwa 200 Leuten rund um das Thema Web, IT, Medien. Nachdem Matthias nun schon auf mehreren dieser Events war und immer begeistert davon berichtet hat, wollte ich die Gelegenheit dieses “Heimspiels” nutzen und mir die Sache auch endlich selbst ansehen.
Voller Einsatz ist gefragt
Das Besondere an der Veranstaltungsform Barcamp – im Vergleich zu ähnlichen Konferenzen – ist, dass es inhaltlich von den TeilnehmerInnen an Ort und Stelle selbst organisiert wird. Das bedeutet, jede/r hat die Möglichkeit, eine oder mehrere Sessions selbst zu halten. Es gibt zwar Vorüberlegungen und Themenwünsche, die im Vorfeld geäußert werden können, doch die endgültige Festlegung der einzelnen Sessions (man könnte sie auch Präsentationen/Workshops od. Diskussionen nennen) findet erst am Tag der Veranstaltung statt. Das hat den Vorteil, dass sehr flexibel abgewogen werden kann, wo das Interesse der Anwesenden liegt und entsprechend noch Änderungen vorgenommen werden können. Etwa, indem der oder die Präsentierende einen Schwerpunkt für Anfänger od. Fortgeschrittene setzt.
Frauen im Web
Als Vorbereitung hatte ich ein wenig im Netz nach Berichten über bisherige Barcamps gestöbert und bin v.a. im Bezug auf das vorangegangene in Stuttgart auf eine Diskussion um die niederige Beteiligung von Frauen gestoßen. Ein Thema, bei dem ich als EMMA-Leserin natürlich hellhörig werde. Denn zum einen finde ich die Vorstellung, plötzlich Henne im Korb zu sein und damit besonders durch meine Geschlechtszugehörigkeit aufzufallen, persönlich nicht wirklich reizvoll. Zum anderen erscheint es mir wichtig für ein friedliches Miteinander, dass die Geschlechter in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen möglichst zu gleichen Teilen vertreten sind. Also z.B. Frauen in IT Berufen ebenso wie Männer als Kindergärtner.
An diesem Septemberwochenende war der Anteil zwar noch weit von 50 % entfernt, doch mussten sich die anwesenden Frauen nicht als Exotinnen fühlen. Vielleicht hat dabei auch die persönliche Einladung an die Damenwelt auf der Mixxt-Organisationsseite des Barcamps geholfen.
Wo sind die Piratinnen?
Ganz aktuell war im Zusammenhang von Frauen u. Web die niedrige Anzahl von Frauen in der Piratenpartei ein Thema in mehreren Blogs, die sich mit Genderthemen beschäftigen. Exemplarisch sei der Beitrag “Kann eine Feministin Piraten wählen” von Antje Schrupp genannt. In den Kommentaren dazu, ging es teilweise sehr hitzig zu. Die Frage birgt also wirklich Stoff zu Diskussion und ist mit einem kurzen “Wo ist denn das Problem? Frauen sollen doch einfach mitmachen,” nicht so leicht beendet. Sowohl was Barcamps, die Piratenpartei als auch grundsätzlich die Aktivität im Netz – oder Web 2.0 wie wir es heute nennen – betrifft.
Die Ursachen, worin dieses Ungleichgewicht gründet und wie es sich beheben lässt, sind vielfältig. Eine Schwierigkeit ist die Scheu vieler Frauen, öffentlich in Erscheinung zu treten und damit evtl. verbal wie auch physisch angreifbar zu werden. Ungeachtet dessen ob eine tatsächliche Gefahr irgendeiner Form besteht. Wenig hilfreich ist es daher, dass vor dem Gespräch über Verbesserungen oft das Bewusstsein dafür geschaffen werden muss, dass überhaupt Handlungsbedarf besteht.
Insofern hat es mich sehr gefreut, dass Paula, Nina und ich uns recht spontan zu einer Session zum Thema “Frauen im Web” gefunden haben. Die übrigens nicht als “Dating-Session” endete, wie ein Twitterer vermutete – oder vielleicht hoffte… Die Diskussion verlief erstaunlich freundlich und interessiert. Es stellte sich heraus, dass auch die männlichen Teilnehmer über direkte Kontakte vom Barcamp erfahren u. zur Teilnahme ermutigt wurden. Insofern finde ich den Vorschlag aus der Runde sehr positiv, dass die Teilnehmenden Patenschaften übernehmen um “Neulinge” einzuladen. Zumal Barcamps keinen Eintritt kosten und die begehrten Plätze schnell voll sind. Eine/n InsiderIn zur Seite zu haben, ist also mehr als hilfreich.
Von wegen rechtsfreier Raum…
Auf dem Stuttgarter Barcamp hatte ich mich mit einer Frau unterhalten, die ausdrücklich nicht im Netz in Erscheinung treten möchte, etwa auf Fotos. Ein schwieriges Unterfangen, denn bei einem Barcamp, so auch in Stuttgart, wird sehr viel gefilmt und fotografiert, entsprechend auch getwittert, gestreamt und berichtet. Es besteht im Prinzip ein Konsens unter den TeilnehmerInnen, sich bei der Veranstaltung im öffentlichen Raum zu bewegen, der sich in diesem Fall auch stark auf das Netz ausgedeht hat. Hier treffen Meinungsfreiheit und allgemeines Persönlichkeitsrecht aufeinander.
In der Diskussion in den Medien, v.a. wenn es um das Thema Netzsperren und Kinderpornographie geht, heißt es gerne, das Netz darf kein rechtsfreier Raum sein. Bemerkenswert und irgendwie auch beruhigend, fand ich daher die Session am Samstag zum Thema “Userbewertungen und Recht” von RA Dr. Carsten Ulbricht. Er hat sehr gut verdeutlicht, dass die Vorstellung vom Netz als rechtsfreien und daher höchst unsicheren Raum, schlicht nicht zutrifft. Auch für das Handeln im Web gibt es bestehende Gesetzte, wobei es sicher hilfreich ist, einen Rechtsbeistand zu haben, der sich in der Materie auskennt – wie in jedem Spezialgebiet.
Danke!
Fazit: Mir hat das Barcamp Stuttgart 2 sehr gut gefallen. Großes Lob an das Organisationsteam, die TeilnehmerInnen und Mitwirkenden! Und dank der charmanten Losfee (Zellmi) hab ich sogar eine Flasche grünen Likör gewonnen…
Die Seite für das Barcamp Stuttgart 3 im nächsten Jahr gibt es übrigens auch schon bei Mixxt.
Tags: Barcamp, Frauen, Stuttgart, Web