Archiv für das Tag 'Chile'

Nicht auf den Mund gefallen – Isabel Allende

Natali 22. September 2009

2007 sprach Allende bei der alljährlichen TED Konferenz in Monterey über Frauen, Leidenschaft und Feminismus. Zu Beginn, finde ich, macht sie den Eindruck als sei sie etwas aufgeregt. Aber dann festigt sich ihre Stimme und sie erzählt in dieser ganz speziellen Mischung aus Ernsthaftigkeit, Witz, Koketterie und Selbstironie.

In den Kommentaren zum Video wurde kritisiert, dass sie sich nur an Frauen wende und die Teilhabe der Männer an einer positiven Veränderung der Welt ganz ausblende. Das mag zu einem gewissen Grad stimmen, die Männer spielen in ihren Romanen die zweite Geige. Trotzdem glaube ich nicht, dass sie Männer total vom Platz verweisen will, es geht ihr eher darum denen, die bisher zu wenig Gehör gefunden haben (Frauen u. Kinder) zu einer Stimme zu verhelfen. Insofern finde ich es in Ordnung, dieser Gruppe mehr Raum zu geben.

“Paula” von Isabell Allende

Nachdem ich in diesem Jahr bereits “Mein erfundenes Land” von Isabel Allende gelesen hatte – und schwer beeindruckt war, wollte ich unbedingt mehr von ihr lesen. Also hatte mir meine Mutter aus ihrer “Allende Sammlung” den Roman “Paula” ausgeliehen.

Und tatsächlich breitet die Autorin hier ihre Lebens- und Familiengeschichte, wie sie schon in “Mein erfundenes Land” anklang, weiter aus. Sie erzählt sie in einem langen Brief ihrer Tochter Paula, die mit 28 Jahren an Porphyrie erkrankt und nach einem  Jahr des Leidens schließlich im Kreis der Familie stirbt. Ein eindringlicher und persönlicher Text, der drastisch die elementaren Dinge des Lebens deutlich macht: Liebe, Leid, Gesundheit, Einsamkeit, Familie, Mut, Aufgabe, Starre und Verwandlung.

Ich frage mich, wie viel die Geschichtenerzählerin Allende zu ihrem dramatischen Lebensbericht hinzuerfunden hat und wie viel davon blanke Wahrheit ist. Schließlich ist “Paula” ein Roman und keine Dokumentation, Ausschmückungen sind also legitim. Viele starke Erlebnisse für ein einzelnes Menschenleben sind es trotzdem, selbst wenn einige nicht ganz so vorgefallen sind.

Mut aus der Not

Nicht, dass ich Lust hätte einen Militärputsch zu erleben oder ins politische Exil flüchten zu müssen. Aber wenn ich mein recht sicheres Leben hier in Deutschland daneben stelle, kommt das doch eher langweilig daher. Vielleicht sind Krisensituationen, so schlimm sie in dem Moment für die betroffene Person auch sind, auch dienlich. Wenn es darum geht, die eigenen Kräfte zu mobilisieren, über sich hinaus zu wachsen oder anderenfalls unterzugehen.

Besonders berührend finde ich daher auch das Gefühl von Gemeinschaft, das Allende beschreibt wenn die Familie oder Freunde sich in schweren Zeiten helfen und in guten Zeiten feiern oder in die Haare kriegen. Wer es bequem hat, kommt nicht in die Situation, schlummerde Energien zu wecken oder andere um Hilfe zu bitten und so freundschaftliche Beziehungen zu knüpfen, die in einem tiefen gegenseitigen Vertrauen gründen.

Heimweh nach … Literatur

Natali 29. Juni 2009

Buch_Allende

Die Tage habe ich ein wundervolles Buch gelesen, das mich endlich einmal wieder so richtig gefesselt hat. Vielleicht war es auch einfach genau die richtige Zeit, diesen Text jetzt aus dem Regal zu nehmen. Die Rede ist von “Mein erfundenes Land” von Isabel Allende.

Sie erzählt darin ihre Geschichte,  die Ihrer Familie und die Landesgeschichte Chiles. Sie erzählt vom Heimweh, dem Leben als Migrantin, und wie sie zum Schreiben kam. Das alles sehr amüsant und pointiert bis makaber. Etwa so:

Unser Kühlschrank, der vierzig Jahre ohne eine Reparatur überstand, wurde von einem lärmenden U-Boot-Motor angetrieben, der das Haus zuweilen in einem Hustenanfall erschütterte. Mit einem Besen kehrte die Köchin die Leichen der Kätzchen hervor, die unter dem Kühlschrank Wärme gesucht hatten und von Stromschlägen getötet wurden. Im Grunde war diese Form der Prophylaxe ein Segen, denn auf dem Speicher kamen Dutzende Kätzchen zur Welt,…

Ich war ganz begeistert davon, wie reflektiert diese Autorin über die Zusammenhänge der eigenen Biographie, der historischen Ereignisse, der Tätigkeit des Schreibens und die Rolle der Erfindung sinniert.

Als Literaturwissenschaftlerin finde ich genau diese Metaebene spannend. Den Punkt, an dem im Text über die Entstehung des Textes selbst gesprochen wird. Denn hier kommen die äußeren und inneren Impulse für eine Arbeit auf den Tisch, also eben zum Beispiel die Besonderheiten der chilenischen Kultur, die Wirkung der Landschaft und der klimatischen Verhältnisse auf den Alltag der Menschen. Themen, die dann wieder das zweite Fach berühren, das ich studiert habe: Kulturwissenschaft.

Warum ich nicht vorher schon etwas von dieser interessanten Frau gelesen haben? Vielleicht weil ich die Filme “Das Geisterhaus” und “Von Liebe und Schatten” als Jugendliche zwar ganz nett aber auch etwas schwülstig fand. Von dem Sprachwitz war da nichts zu erkennen. Oder weil ich Ihre Romane etwas abwertend als “Frauenliteratur” abgetan habe, ein fieser Begriff, über den es sich auch einmal lohnen würde, genauer nachzuforschen.

Sollte ich jemals mein Schul-Spanisch wieder ernsthaft auffrischen, wäre es jedenfalls eine Herausforderung, ein Allende Buch auf Spanisch zu lesen.

Was mir Frau Allende heute auch sympathisch macht, ist sicher ihr in “Mein erfundenes Land” angesprochener feministischer Antrieb. Dieser ist begründet in ihrer Biographie, doch ist leider auch 2009 noch nicht alles gerecht und kuschelig zwischen den Geschlechtern. In Chile nicht und auch sonst auf der Welt.