Anders leben – Teil 3

Natali 6. Juni 2009

schafe

Letzter Teil im Rückblick auf das Los Geht’s 09 in Escherode.

Es haben sich auf dem Treffen viele bestehende Projekte wie auch Gründungsgruppen vorgestellt, von denen ich aus Zeitgründen nur einen Bruchteil näher kennengelernt habe. Ein paar der Diskussionthemen und Gruppen möchte ich an dieser Stelle gerne noch kurz nennen.

Workshops zu Projekten/Gruppen, die ich besucht habe:

  • ÖkoLeA bei Berlin – der Name ist eine Abkürzug von “Ökologische Lebens- & Arbeitsgemeinschaft”. Besteht seit 1993. Zur Zeit leben dort 18 Erwachsene und 8 Kinder.
  • Das Dorf – in Planung (Wunschort irgendwo an der Stadtgrenze zu Berlin bzw. in Nord-Brandenburg). In dieser Gegend gibt es viele Dörfer, die durch Abwanderung ausgedünnt sind. Die Idee ist, ein Dorf mit einer Gruppe mehr oder weniger Gleichgesinnter wiederzubeleben. Diese Gruppe könnte eine Größe zwischen 50 und 300 Personen haben. Ziel ist es, konkrete Alltagsalternative zu schaffen und eine politische Ausenwirkung. In Stichworten: Wiederständig sein, mit aktiven Statements zu Klimapolitik, Kapitalismus, Konsum, Genderthemen, Kinderrechten… Raum bieten für politische Camps. Zeithorizont: 1-4 Jahre. Finanzierung & Entscheidungsstrukturen sind noch nicht fest definiert.
  • Kommune Hof Rossee – an der Stadtgrenze zu Eckernförde (25km nördlich von Kiel), seit 2001 in Gemeinschaftsbesitz. Zur Zeit 5-6 Erwachsene plus Kinder. Teil des Kommuja Netzwerkes (Netzwerk der politischen Kommunen). Ein kleines feines Projekt, das ich mit meinem Freund gerne näher kennenlernen möchte.
  • Steudten – aktuell ein Mini-Projekt, mit vielen Möglichkeiten zu wachsen, von 2 Erwachsenen und 3 Kindern. Steudten ist ein kleiner Ort zwischen Leipzig und Dresden. In der Nähe ist die Lebens(t)raum Gemeinschaft Jahnishausen, zu der die beiden eine Verbindung haben (hatten?).

Und ein paar der Themen, um die es über Pfingsten ging:

“Individuum & Gemeinschaft”

Hier ging es etwa darum, wo es Reibungspunkte zwischen den Bedürfnissen einer Gruppe und eines Individuums gibt und wie diese überwunden werden können. So z.B. bei der den Punkten Zeit (Soll es feste Essenszeiten geben?), Finanzen (Urlaub vs. Investitionen) oder Entscheidungsfreiheit (Spontaneität vs. Absprachen).

Die gemeinsame Ökonomie kann sich in diesem Zusammenhang nicht nur auf die Finanzen beziehen sondern auch auf die Frage, wieviel bringe ich mich in die Gruppe ein? Basis für eine Gruppe sind gemeinsame Ideen/Ziele, so dass viele Detailfragen wegfallen.

Arbeit war ein weiterer Diskussionspunkt, immer mit der Frage: Was ist Arbeit? Und wie wird diese anerkannt? Außerdem: Wie werden die Gruppenbedürfnisse kommuniziert, d.h. wer setzt sich für diese ein? Welche Erwartungen haben Einzelne an die anderen bzw. an die Gruppe?

Kommuja – Netzwerk politischer Kommunen (Selbstverständnispapier)

Am Beispiel des Kommuja Selbstverständnispapiers wurde diskutiert, wozu ein solches dienen kann. So macht die Definition z.B. nach außen deutlich, wen sich die Gruppe als neue Mitglieder wünscht. Für Gründungsgruppen kann die Erstellung eines Selbstverständnispapiers neuen Schwung bringen, wenn das “Hoch” nach der Gründungsphase abzuflachen droht. Insofern bietet es sich an, sich früh an die Niederschift eines Selbstverständnis-Dokuments zu machen.

Thema waren in dieser Runde auch die Abgrenzungen zwischen politischen und spirituellen Gemeinschaften. Im Zusammenhang mit letzteren wurden das ZEGG und das Ökodorf Sieben Linden genannt.

Soziale Netzwerkbildung

In diesem Workshop wurde folgende These diskutiert: “Bestehende Projekte haben zu wenig Wirkung in der Gesellschaft. Sie sind nur eine weitere Lebensform innerhalb der kapitalistischen Verhältnisse.” – Oder anders formuliert: Die ursprünglichen Ideale der Kommune haben sich abgeflacht, sie sind heute meist nicht mehr als bessere Marktteilnehmer. Harter Stoff, eine praktikable Alternative zum kapitalistischen System wurde allerdings nicht genannt.

dies und das

Auch interessant, aber leider nur gestreift, das Thema Transition Towns & Peakoil. Zum Schluss noch ein Hinweis auf das tolle Musikprogramm beim Los Geht’s 09: Franzis Binder und die Rocker von Electric Fish & the Lip Gardens. Weiterlesen/-forschen mit Iris Kunze, Gemeinschaftsforschung (Uni Münster). Nachhaltig kreativ sein mit den Schriften aus dem Packpapier Verlag. Stöbern bei Utopia und im Eurotopia Verzeichnis.

3 Kommentare zu “Anders leben – Teil 3”

  1. NinaT sagt:

    Leider war ich nicht in Eurer Session, aber gerade habe ich Eure Beiträge und ein paar der Links zum Thema Kommune durchgelesen. Warum gerade heute?
    Gerade hatte ich mit meinem Partner ein Gespräch, wie positiv doch das Wohnheim-Leben in einer größeren Gemeinschaft war und heute morgen ein Gespräch mit einem Arbeitskollegen über das Thema Carsharing. Das sind natürlich Minimalansätze verglichen mit dem Leben in einer Kommune, was einen viel krasseren Einschnitt in allen Lebensbereichen bedeutet. Vielleicht sollte ich mich aber mal intensiver mit der Thematik auseinandersetzen, denn latent hat mich die Thematik der alternativen Lebensgestaltung auch bereits beschäftigt, z.B. folgende Fragen:

    - Wie gehe ich damit um, dass meine Arbeit gesellschaftlich nur danach bewertet wird, ob sie ökonomisch wertvoll ist?
    - Wäre nicht ein Leben in einer Gemeinschaft (z.B. WG) viel erfüllender und zweckmäßiger, als das Wohnen zu zweit?
    - Wie schaffe ich es, politisches Wirken in meinen Alltag zu integrieren ohne den Broterwerb zu vernachlässigen?
    - Wie könnte unser Familienmodell aussehen, wenn wir nicht den traditionellen Rollenbildern „erliegen“ wollen?
    - Wie kann ich meinen Alltag ökologischer und nachhaltiger gestalten?
    - Wie schaffe ich es eine Arbeit zu finden, der ich nicht nur aus finanziellen Gründen nachgehen muss, sondern die mich erfüllt? Wie schaffe ich es, mir meine Lebensumstände nicht durch ökonomische Zwänge diktieren zu lassen?

    Das Thema Kommune ist für mich natürlich ganz neu und deshalb derzeit jenseits des Denkbaren. Aber Eure Beiträge waren sehr inspirierend – danke dafür! Bestimmt werde ich mich weiter damit beschäftigen.

  2. Natali sagt:

    Hallo Nina,

    freut mich, wenn Matthias’ und meine Berichte zu so interessanten Gedanken anregen. Für den eigenen Weg ist es sicher hilfreich, sich Fragen wie die von Dir genannten zu stellen. Andererseits sprichst Du darin auch wichtige Punkte an, die in der Gesellschaft allgemein stärker diskutiert werden sollten.

    Die Kommune-Projekte sind vielleicht Extreme u. nur Tropfen auf den heißen Stein, aber sie zielen in die richtige Richtung. Und sei es nur, den aktuellen Stand der Dinge kritisch zu hinterfragen u. so den Weg für Neues zu bereiten.

  3. [...] angenommen und gleich drei Beiträge dazu veröffentlicht: Anders leben – Teil 1, Teil 2 und Teil 3. Schlagworte: Alternatives Leben, Kommune, [...]

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