Der Amoklauf von Winnenden, Twitter, die Presse & eine Tontaube
Natali 17. März 2009

An diesem 11. März 2009, dem vergangenen Mittwoch, sind Dinge geschehen, die das Leben vieler Menschen von einem Moment auf den anderen völlig aus der Bahn warfen. 16 Leben wurden ausgelöscht. Ein mit dem menschlichen Verstand kaum fassbares Ereignis. Ohne Zweifel werden die Bürger von Winnenden, die Angehörigen der Opfer und die vielen Helfer noch lange Zeit für die Verarbeitung des Erlebten benötigen.
In der Zwischenzeit scheint mein Twitter-Username „Tontaube” und teils auch mein richtiger Name durch sämtliche europäischen Medien gegeistert zu sein. Was für ein seltsame Situation für jemanden, der nur ungern im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.
Was war passiert?
Am Mittwochmorgen hatte eine Kollegin mit Ihrem Mann in Winnenden telefoniert, der die Information von dem Amoklauf gerade von der Polizei erfahren hatte. Ihre Kinder gehen auf die nahe der Albertville Realschule gelegene Grundschule, so dass sie sofort völlig aufgelöst war. Der Schock erfasste uns im Büro nach und nach, es braucht einfach, bis das Gehirn das ganze Ausmaß eines Wortes wie „Amoklauf” erfassen kann. Als wir realisierten, dass draußen vor dem Gebäude mehrere Polizisten standen und der Täter flüchtig war, kam zu der Bestürzung und den Gedanken an die Schüler eine ganz körperliche Angst um das eigene Leben. Was ist, wenn der jetzt hier zum Bahnhof kommt und um sich schießt?
Ganz automatisch haben wir zum Hörer gegriffen und die Personen informiert, die uns nahe stehen. Uns versichert, dass es ihnen gut geht und mitgeteilt, dass wir in Sicherheit sind. Schließlich habe ich auch Twitter genutzt um die Warnung, nicht in die Stadt zu kommen, zu verbreiten. Es war für mich schlicht ein weiteres Medium, Leute zu erreichen. Genauso aber auch ein Mittel, um mit dieser Situation „Amoklauf” irgendwie klar zu kommen. Ohne nachzudenken, was für dies nach sich ziehen könnte. Dafür war ich zu viel beschäftigt damit, die Angst in den Griff zu bekommen und versuchte tatsächlich immer wieder, weiter meiner normalen Arbeit nach zu gehen.
Die Presse meldet sich
Am Ende hat sich herausgestellt, dass ich wohl die erste war, die die News in Twitter verbreitete. Kaum eine Stunde später klingelte das Telefon und ein Nachrichtensender nach dem anderen meldete sich. Damit war der Ausnahmezustand komplett. Einerseits war ich ja definitiv keine Augenzeugin und hätte selbst gerne weitere Informationen gehabt. Andererseits bin ich ein höflicher Mensch, Leute am Telefon abzuwimmeln fällt mir schwer. Wie sich abzeichnete, dass an reguläres Arbeiten nicht mehr zu denken war, habe ich also widerwillig doch ein paar Gesprächen zugestimmt. Persönlich war es ok, so wenigstens beschäftigt zu sein uns mir ein wenig die Befürchtungen von der Seele reden zu können. Dass die ganze Twitter-Sache solche Kreise ziehen würde und zu regelrechten Grabenkämpfen zwischen den neuen und den alten Medien führen würde, hätte ich nicht gedacht. Letztlich scheint es mir aber gut und richtig, dass so wenigsten eine drängende Debatte um den Umgang mit sozialen Netzen im Zusammenhang mit der Presseberichterstattung ins Rollen gekommen ist.
Der Microblogging-Dienst Twitter
Ich habe mich bei Twitter erst am 12. Feburar dieses Jahres angemeldet. Das ist kaum einen Monat her. Also ein recht neues Medium für mich, das ich durch meinen Freund, einen eifrigen Twitterer, aber schon länger verfolge. Bis zum 11. März ist meiner Follower-Zahl nur langsam auf die 44 gestiegen, die es am letzten Mittwoch noch waren. Leute, deren Schreibe ich interessant fand und/oder die ich irgendwann im realen Leben kennengelernt hatte. Ein soziales Netzwerk also, das dieser Bedeutung tatsächlich auch einigermaßen gerecht wurde.
Mittlerweile steht der Zähler bei 672 Followern. Mein bisheriges Auswahlverfahren, mich ein wenig in die Tweets der Leute einzulesen und, wenn vorhanden, auch ihre Website zu besuchen, dauert fast zu lange um diese Zahl zu bewältigen. Es gibt einige Twitterer, die hohe Followerzahlen für erstrebenswert halten. Vielleicht, weil man dann als besonders wichtig gelten kann. Mir wäre ein schrittweiser Anstieg lieber gewesen, denn ich möchte die Leute, mit denen ich kommuniziere, kennen. Zumindest ein bisschen. Jetzt einfach alle zurück-followen um die Masse zu bauchpinseln würde da sicher keinen Sinn machen. Aber im Vergleich zu den emotionalen Auswirkungen des Amoklaufs für die Angehörigen ist das ein Luxusproblemchen.
Bürgerjournalismus?
Im Zusammenhang mit Twitter und anderen Web-Communities war in der medialen Berichterstattung immer wieder vom aufkommenden Bürgerjournalismus die Rede. Die Frage wurde aufgeworfen, ob dieser sich gerade zu einer Konkurrenz zur klassischen Presseberichterstattung entwickele.
Bei der Art Presse, bei der es schlicht um das erste Bild, das erste Zeugnis vom Ort des Geschehens, geht, mag dies in der Tat zutreffen. Die Notlandung auf dem Hudson River hat es gezeigt. Doch wenn es darum geht, eine Ereignis aufzuarbeiten, scheint zumindest Twitter keine Konkurrenz zu sein. Zum einen, da man z.B. schlecht die Gedanken eines ganzen „Zeit”-Artikels in einen Tweet, also eine Twitter-Nachricht von 140 Zeichen packen kann. Zum anderen, weil es schlicht nicht der Natur von Twitter entspricht, nur objektiv zu sein. Objektive, presseähnliche Nachrichten sind darin sicher auch zu finden, aber eben nicht nur. Die Nachrichten der Twitter-Nutzer sind so vielfältig wie das Stimmengewirr auf einem belebten Marktplatz. Wenn es um die Aufarbeitung der Tragödie geht, scheint mir bei Twitter dagegen die Chance am interessantesten, sich mit Menschen darüber austauschen zu können – wie in einem richtigen Gespräch. Mit einer Zeitung aus Papier geht das nur bedingt und stark zeitverzögert, etwa über Leserbriefe.
Umgekehrt könnte man beim Stichwort Bürherjournalismus auch fragen: sind denn Journalisten keine Bürger? Soll heißen, selbstverständlich sollen sie sich an verschiedene Regeln ihres Berufsstands halten, das gebietet etwa der Pressekodex. Doch wie weit lässt sich die subjektive Wahrnehmung aus der Berichterstattung heraus halten? Bei einer wissenschaftlichen Arbeit legt der Autor seine Beweggründe für das Forschungsgebiet dar und betreibt damit Selbstreflexion, bevor es ans Eingemachte geht. Damit ist die Illusion von völliger Objektivität gebannt. Vielleicht kann es eine Inspiration für die Presse sein, ein wenig von der – oft überbordenden – Subjektivität der Twitternachrichten aufzunehmen und es dem Lesenden damit ermöglichen, eine Presseinformation nicht für einen unumstößlichen Tatsachenbericht zu halten. Das erspart Enttäuschungen, sollte sich dieser als fehlerhaft erweisen. Die persönlichen Anmerkungen des Autors mahnen den oder die Leserin, dass hier ein Mensch am Werk war, der durchaus auch irrt.
Schwer zu sagen, ob und wie diese Idee sich umsetzten ließe. Persönlich hilft es mir schon ein wenig, eine Aussage einzuordnen, wenn ich in einer Extra-Info ein paar Hintergründe zum Autor eines Artikels erfahre. Die aktuellen Grabenkämpfe zwischen den traditionellen und den neuen Medien halte ich für ein Übergangsphänomen. Beide haben ihre Berechtigung, müssen aber wohl zur Zeit ihre Grenzen neu definieren.
Lebendiges Netzwerk
Ich bin gespannt, wie sich das gesteigerte Interesse der Medien, diesen Dienst zu nutzen, auf Twitter auswirkt. Knapp einen Monat nach meiner eigenen Anmeldung bei dem Microbloggingdienst hatte ich eigentlich den Anspruch, dass es darin um einen gegenseitigen Nachrichtenaustausch gehen soll. Idealerweise nach dem Prinzip: folgst Du mir, folge ich Dir. Und wir finden gegenseitig spannend, was wir von einander lesen. Dem steht entgegen, dass manche Nutzer mehr auf „Senden” aus sind, andere mehr auf „Empfangen” und wieder andere schlicht langweilig.
Stand meiner aktuellen, ganz persönlichen Meinung zu Twitter ist daher: soll doch jeder nach seiner eigenen Façon glücklich werden: „heute followen, morgen entfollowen” oder, „einmal gefollowed, treu auch noch den langweiligsten Tweet lesen”. Diese Lebendigkeit und Bewegung ist ja gerade interessant.
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- 13 Kommentare

Hallo!
Ein interessanter und aufschlußreicher Eintrag. Ich gehöre auch zu denjenigen, die Dich seit besagtem Tag in der Liste haben.
Einfach aus dem Grund, dass Du die ersten Informationen verteilt hast.
Ich selbst bin auch nebenberuflich im Fotojournalismus tätig, aber ich habe mir selbst gesagt, dass ich solche Sachen und auch andere persönliche Schicksale nicht in Bildern festhalten werde. Auch wenn man sicherlich damit viel Geld verdienen kann.
Nun denn…
viele Grüße aus Oberbayern
der Sven
Sehr schön geschrieben.
Hoffen wir das der Grabenkampf zwischen den beiden nicht entartet und beide Medien in einer Symbiose eine sinnvolle und effektive Informationsübertragung schaffen.
Sollte dies nicht der Fall sein, werden sich wohl die digitalen Medien durchsetzten. Was definitiv Vorteile hat, aber durch die schiere Masse an Quellen in diesem Medium wird die Qualität sinken.
Das digitale Medium ist durch seine weltweite Verbundenheit, so denke ich, in der Lage nicht nur Informationen schnell zu verbreiten, sondern auch die Menschen die es verbreiten zu verbinden. In einem Web an dem alle mitwirken werden also alle verbunden.
So können neue Medien Unwissenheit und Einsamkeit mindern und schneller auf Probleme aufmerksam machen.
Ich denke das digitale Medium kann in der Zukunft dazu beitragen tragische Vorfälle, wie den geschilderten, zu verhindern.
[...] Nachtrag: Wie meine Freundin Natali, die ja auch eine zentrale Rolle der im Interview angesprochenen Thematik spielt, den Tag und seine Folgen erlebt hat, hat sie nun auch in einem Blog-Eintrag veröffentlicht: Der Amoklauf von Winnenden, Twitter, die Presse & eine Tontaube. [...]
Hallo Natali, da bist du ja ganz schön ins Kreuzfeuer geraten. Mein Bezug zu Winnenden ist weniger direkt: ich kenne einige Leute dort, Stuttgart und Weil der Stadt sind nahe genug dran, um es nicht mehr als “ferne Meldung” abtun zu können. Als dann so nebenbei durchgesickert ist, dass die Flucht-Odyssee auch mitten durch Stuttgart geführt hat – und abends auf meinem Heimweg in der S-Bahn – da ist mir dann das Grauen schon reichlich im Nacken gesessen: Was wenn so einer in die S-Bahn gestürmt kommt? Was wäre gewesen, wenn Tim sich einen Stopp in Stuttgarts Menschengewimmel geleistet hätte? Wie geht es eigentlich dem Sharan-Fahrer, der von ihm zur Flucht genötigt wurde? Der scheint komplett aus den Schlagzeilen herausgehalten worden zu sein…
Nach wie vor bin ich mir sicher, dass Tim unter einem riesigen Leistungs- und Erwartungsdruck seiner Umwelt gestanden hat – dem er nicht länger standhalten konnte oder wollte.
Im Gespräch mit einer Lehrerin aus Schorndorf ist mir auch klar geworden, wieviel besser die Schüler mit ihren Handys – und vielleicht auch per Twitter – informiert waren im Vergleich zu den Lehrern. Auch das ist nicht grade beruhigend…
Liebe Grüße
Erich
Übrigens: musst ja nicht jedem gleich followen… ;-)
[...] also kurz. In Natali Haugs Skizzenbuch findet sich ein Artikel mit dem vielsagenden Titel “Der Amoklauf von Winnenden, Twitter, die Presse & eine Tontaube“, den ich sehr lesenwert finde. Bei Twitter mag man ja nicht jedem folgen, Social Network hin [...]
[...] Artikel “Der Amoklauf von Winnenden, Twitter, die Presse & eine Tontaube“ schreibt @tontaube auf Ihrem Blog Skizzenbuch darüber wie sie plötzlic hin allen Mieden [...]
Hallo Natali Haug.
Auch erst durch den Medienrummel auf Sie/Dich aufmerksam geworden. Mittlerweile follow ich Ihnen/Dir aber sehr gerne. Auch wenn ich “ewig weit weg” von Winnenden bin (Köln am Rhein). Wir haben ja auch unser Bündel zu tragen (Stadtarchiv). In dem Context wurde der Kölsche Klüngel angeprangert. Die Leute sollten aber auch mal so denken: Den jetzt Obdachlosen Mietern der Gebäude wurde eine Welle von Hilfsbereitschaft entgegengebracht. Eben ganz nach der Devise: Man kennt sich, man hilft sich. Eben der “kölsche Klüngel”.
Gruß vom Rhein
Hallo,
ein kleiner Hinweis auf einen sehenswerten kritischen Beitrag über die Rolle der Medien in der NDR-Sendung ZAPP: @tontaube wird ebenfalls erwähnt.
Die Medien und der Amoklauf – einfache Fehler, schlimme Entgleisungen http://arm.in/1qF
ZAPP hatte zudem noch einen zweiten Beitrag in der gestrigen Sendung über die extrem aufdringlichen Medien und den Amoklauf: Winnenden – Stadt im Ausnahmezustand http://arm.in/1qo
Grüße @denkflusen :)
dabei “followe” ich (noch) gar nicht @tontaube
Hi @denkflusen,
vielen Dank für die beiden Links. Die Zapp-Macher hatten auch bei mir angefragt, aber so richtig wild war ich nicht auf noch mehr Presse u. letztlich war auf der Arbeit so viel los, dass ich das ganz vergessen hatte. Hab mir die NDR-Beiträge eben angesehen und fand sie gut gemacht. Die Trauerstätte vor der Schule kenne ich noch immer nur aus dem Fernsehen. Nach den eindrücklichen Bildern mit so viel Medienaufgebot werde ich Samstag auf jeden Fall einen großen Bogen um Winnenden machen. Zum Trauergottesdienst finden sicher wieder sehr viele ein.
Gruß Natali
Ein toller Text, mein Kompliment – Vorschlag: Pflichtlektüre für Schüler (nicht nur) in BaWü, Fach Gemeinschaftskunde/Medienbildung
Viele Grüße aus Magdeburg
Ach, und noch eins: Ich trauere nicht
Ich trauere ja auch nicht über zehntausende von Menschen, Männern, Frauen, Kindern, die der Not, dem Krieg und der Ungerechtigkeit zum Opfer fallen.
dein thread is wirklich ein toller musterblogpost geworden (wenn auch lang, ich hab durchgehalten, weil du schön persönlich schreibst) – ich follwe dir seit grade eben – nicht für winneden, sondern für dein blog ;)
@tontaube
Hallo Natali!
Hat Telepolis eigentlich mit dir gesprochen, denn schon wieder musst du als Beispiel für eine (typische?) Twitternutzerin herhalten. Hinzu kommt, dass der Vergleich mit der Jennifer Kaye Ringley sehr hinkt.
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30039/1.html
Nachdem ich jetzt deinen Blog durchgeblättert habe, muss ich sagen: lesenswert! Wenn ich Zeit finde, dann schreib ich mal was zur Eingangsfrage: “Was ist Kunst?”
Also ich würde sagen: back to the roots…
Bis dahin…
Gruß
Armin