Stoppt jede Uhr
Natali 13. März 2009
Heute Morgen, wie immer beim langsamen wach werden im Bad, sprach im Radio (SWR1) ein Geistlicher einige Worte zum Tag. Heute hat er ein Gedicht vorgetragen, das, wie ich finde, die Trauer, diesen Moment des Innehaltens nach dem Verlust einer geliebten Person, sehr eindrucksvoll wiedergibt.
Er hätte gar keine besseren Ton treffen können. Nachdem durch die Berichterstattung auf allen Kanälen viel Unruhe verbreitet wurde, hat das einfach gut getan und mich daran erinnert, dass wir ein Recht darauf haben, still zu sein und alle Tätigkeit ruhen zu lassen um den Gefühlen ihren Raum zu geben. Ich bin in der glücklichen Lage, nicht selbst von der Tragödie betroffen zu sein, auch keine nahen Angehörigen oder Freunde von mir kamen zu Schaden. Trotzdem hat es mich ein wenig aus der Bahn geworfen.
Wie ich heute durch die Winnender Innenstadt gegangen bin und die Fahnen bei Kärcher und der Sparkasse auf Halbmast gesehen habe, musste ich schon schlucken. Dann noch an den kahlen Bäumchen entlang des Wegs diese flatternden schwarzen Bänder zu sehen war hart. Wirklich seltsam, beides waren ganz dezente Symbole und doch trafen sie genau den Punkt.
Das Gedicht “Funeral Blues” von W.H. Auden:
Stoppt jede Uhr,
Lasst ab vom Telefon,
Verscheucht den Hund,
der bellend Knochen frisst,
Die rohen.
Lasst schweigen die Pianos
Und die Trommeln schlagt.
Bringt heraus den Sarg
Und ihr Klager klagt.
Lasst die Flieger kreisend,
Trauer sei Gebot,
An den Himmel schreiben:
“Er ist tot.”
Straßentauben gebt um den Hals
Starre Kreppkragen.
Polizisten lasst schwarze Handschuh tragen.
Er war mir Nord, mir Süd,
Mir Ost und West.
Des Sonntags Ruh,
Und der Woche Stress.
Mein Tag, mein Gesang,
Meine Rede, meine Nacht.
Ich dachte Liebe wäred ewig-
Falsch gedacht!
Sterne sind jetzt unerwünscht,
Will nichts sehen davon.
Verpackt den Mond,
Zertrümmert die Sonn.
Fegt weg den Wald
Und des Meeres Flut.
Nie wird es sein,
So wie es war.
Nie wieder gut.
Die englische Originalversion gefällt mir auch sehr. Das ist ein Gedicht, bei dem sich mir vorher schon die Nackenhaare aufgestellt haben. Seit dem Geschehen letzten Mittwoch in Winnenden ist es ein kleiner Anker, der Halt gibt.
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- 2 Kommentare

Ich höre im Bad morgens auch immer SWR1! :D
Peter Kottlorz’ Beitrag fand ich auch sehr bewegend. Die Klagelieder der vergangenen Zeiten, sie haben den Menschen denke ich sehr geholfen – mehr als das heutige bloße Gejammer.
Ah, ja so hieß er. So ein Gedicht wirkt dann wie ein Ritual, das man durchlaufen kann und das einen gestärkt zurücklässt. Es hat einen Anfang, einen Spannungsbogen und ein Ende. Beim Gejammer bleibt man meist genau so verloren wie vorher.